Ist Kunsthandwerk ein Faktor im Tourismus? Aber sicher! Mit dem Frühling beginnt die Saison der Kunsthandwerkermärkte, und sie boomen! Sie bringen Einheimische und Gäste an unsere schönsten Orte auf dem Land und zeigen handwerkliche Qualität und innovatives Design gleichermaßen. Für viele Textildesignerinnen, Keramiker, Schmuckdesigner und Weberinnen sind sie eine wichtige Einnahmequelle. Die Tourismuswirtschaft sieht es differenzierter: Die Märkte generieren zwar Einnahmen für Veranstalter, Kommunen, Gastronomie und Hotellerie, doch sie sind ein singuläres und saisonales Geschäft, das nicht die gewünschte Auslastung übers Jahr bringt.

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Zwirnknöpfe aus dem österreichischen Mühlviertel

Es soll deshalb hier nicht die Rede sein von „fahrenden Märkten“, die professionell organisiert werden, mit vergleichbaren Anbietern übers Jahr diverse Orte bedienen und in der Regel mit dem Veranstaltungsort nicht allzu viel gemein haben. Es soll hier um die ländlichen Orte gehen, die eine historische (Kunst)Handwerkertradition haben und im Sinne der lokalen Identitätsbildung und der langfristigen touristischen Wertschöpfung aktiv sind.

2011 erfasste eine Studie der Bundesregierung 15.700 kunsthandwerklich ausgerichtete Unternehmen aus 22 Gewerbezweigen (z. B. Buchbindung, Metallverarbeitung, Edelsteinschleiferei, Gold- und Silberschmiede, Musikinstrumentenherstellung, Fotografie) mit rund 48.000 Erwerbstätigen und einem jährlichen Umsatz von etwa 3,4 Mrd. Euro. Wo diese Kunsthandwerker/innen tätig sind, erfasste die Studie leider nicht, aber es lässt sich vermuten, dass ein erheblicher Anteil im ländlichen Raum produziert (weil Ateliers, Materialien und eventuell notwendige Zulieferer hier günstiger sind) und relevantes Know-How (z. B. für Textilherstellung oder Wollverarbeitung) aus historischen Gründen hier zu finden ist.

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Textil-Colliers aus Litauen

Textil- und Glasherstellung, Woll- und Lederverarbeitung, Metall- und Steinverarbeitung, Flechttechniken, Papier- und Keramikproduktion, all das diente zunächst dem täglichen Gebrauch. Doch mit der industriellen Massenproduktion verloren bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts historisch überkommene Techniken und handgefertigte Produkte ihre Bedeutung und Marktfähigkeit. Inzwischen erleben alte Handwerkstechniken neue Wertschätzung, erfahren Interesse, kreative Auseinandersetzung und innovative Weiterentwicklung.

Es gibt inspirierende und erfolgreiche Beispiele, wie Kunsthandwerk, Regionalentwicklung und Tourismus im ländlichen Raum produktive Partnerschaften eingehen. Beispiele sind das Keramikmuseum Westerwald in Höhr-Grenzhausen in Rheinland-Pfalz, das Textile Zentrum Haslach im oberösterreichischen Mühlviertel, die Leinenproduktion im ländlichen Litauen, Glasproduktion im tschechischen Böhmen oder Schmuckdesign aus lettischem Bernstein.

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Historische Keramik aus dem Westerwald

Aber wie sehen nun die kulturtouristischen Faktoren für lokale Wertschöpfung durch das Kunsthandwerk aus? Am Beispiel des Keramikmuseums in Höhr-Grenzhausen lässt es sich nachvollziehen:

  • das Museum versteht sich gleichermaßen als Ort des Erhaltens, Förderns und der Innovation,
  • es sieht sich der historischen Qualität des Handwerks ebenso verpflichtet wie dem zeitgenössischen Design,
  • Stadt und Region stehen zur kunsthandwerklichen Tradition und leisten ihren Beitrag zur finanziellen Absicherung,
  • zum „Basisangebot“ des Museums gehören neben den konservatorischen Aufgaben und Ausstellungen auch ein Kulturprogramm, eine Infrastruktur für Veranstaltungen, Fortbildungsangebote für Fachleute wie interessierte Laien, Kinderangebote und ein exzellent aufgestellter Musemsshop,
  • Einheimische sind stolz auf ihre Keramik-Tradition im „Kannenbäckerland“, sehen sie als Teil ihrer Identität,
  • die Ansiedelung von Keramiker/innen in Ateliers rund um das Museum wird befördert (durch Einbindung der Künstler/innen in die pädagogische Arbeit des Museums, Ateliers mit niedrigen Mieten, die Möglichkeit der Ausstellung und des Verkaufs der Produkte im Museumsshop wie auch im Ort, durch Gelegenheiten zum Wissensaustausch mit Kolleg/innen aus aller Welt, mit der Durchführung von internationalen Wettbewerben, durch Verkaufsaktionen wie z. B. einen jährlichen Keramikmarkt),
  • die örtliche Wirtschaft (z. B. das Glasveredelungsunternehmen Rastal) hilft pragmatisch mit Sachspenden und mehr,
  • das Museum arbeitet hoch-vernetzt mit Stadt, Region, regionaler Wirtschaft, der Wirtschaftsförderung und dem Westerwaldtourismus und engagiert sich zudem europäisch in der „Straße der Keramik“ und in der Vernetzung mit international engagierten Einrichtungen aus Forschung und Produktion (durch Tagungen, Ausstellungen und den Einsatz Sozialer Medien),
  • zahlreiche Partnerschaften mit Wirtschaft und Forschung, zum Beispiel dem Bildungs- und Forschungszentrum Keramik (BFZK), die auf der Homepage kommuniziert werden, reichen bis hin zu Hotelempfehlungen und touristischen Angeboten.

Fazit: Vom Kunsthandwerk profitieren Tourismus, Wirtschaft und Infrastruktur-Erhalt gleichermaßen, wenn es als Motor der Lokal- und Regionalentwicklung begriffen und gefördert wird.

 

Weiterlesen:

Das Handwerk in der Kultur- und Kreativwirtschaft – Endbericht zur Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie“, 2011

Links zu Kunsthandwerkermärkten: http://www.kunsthandwerkerportal.de, www.kunsthandwerker-markt.de

Rudi Palla: „Verschwundene Arbeit“ (Archiv der ausgestorbenen Handwerkskünste), Brandstätter Verlag

Die Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz widmet sich kontinuierlich den wirtschaftlichen Voraussetzungen und Effekten der Kultur, Kulturwirtschaft und des Kulturtourismus im ländlichen Raum. Eine Publikation dazu wird im Herbst 2015 erscheinen.


 

Bildnachweise: Dank allen Rechte-Inhaber/innen für die Zustimmung zur Bildverwendung!

Titelbild: Keramikschalen, die in einem Workshop des Keramikmuseums Höhr-Grenzhausen im Rahmen des Charity Projekts „Empty Bowls“ erstellt wurden.

Bilder im Text:

Keramik „Historie Westerwald“ (Keramikmuseum Höhr-Grenzhausen)

Textile Colliers aus Litauen (Kultur und Arbeit e.V.)

Künstlerische Zwirnknöpfe von Sabine Krump aus dem österreichischen Mühlviertel.