Die slowenische Stadt Velenje geht einen ganz eigenen Weg  in der Entwicklung des Kulturtourismus: Sie setzt auf Angebote für behinderte Menschen und hat damit zu einem Alleinstellungsmerkmal, neuen Zielgruppen und vielfältigen Beschäftigungsmöglichkeiten gefunden.

Velenje geht auf die  mittelalterliche Gründung einer Burg zurück, doch das heutige Bild der Stadt mit rund 34.000 Einwohnerinnen und Einwohnern im Nordosten des Landes und 60 km nordöstlich der Landeshauptstadt  Ljubljana ist keineswegs das einer kleinen historischen Stadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg  wurde Velenje als Industrie- und Bergbaustadt entwickelt, und die Architektur der Sechziger prägt noch heute das Stadtbild mit Hochhäusern und Siedlungsbebauung. Mit dem Bergbau geht es absehbar zu Ende, und so ist Velenje auf dem Weg, sich neu zu erfinden, um attraktiv zu bleiben für seine Bewohnerinnen und Bewohner wie für Investoren.

Kultur als Tourismusfaktor

Zwei Kernthemen prägen das Zukunftskonzept: Kultur und Behindertenfreundlichkeit. Mit über 1.000 (!) Kulturveranstaltungen im Jahr koordiniert das städtische „Festival Velenje“ das außerordentlich vielfältige Kulturangebot, das vor allem eines sein will: „Kultur von Bürgern für Bürger“.  Direktorin Barbara Pokorny kann stolz sein auf rund 206.000 Kulturbesucherinnen und –besucher jährlich. Als Erfolgsfaktoren nennt sie den starken Rückhalt der Stadt und bürgerschaftliche Partizipation.

Velenje Sketch bookDie aktive Jugendkulturszene hat ein ganz eigenes Profil und lockt zwischenzeitlich Gäste aus ganz Slowenien an.  Jugendliche des Jugendzentrums produzierten gar einen eigenen Kultur-Reiseführer für junge Leute,  dessen frisches Design und englische Sprache weit mehr Zielgruppen ansprechen dürfte.  Es sei das Prinzip des Jugendzentrums, erklärt Direktor Marko  Priržnik, die Jugendlichen möglichst viel selbst machen zu lassen, nicht zuletzt, um damit an Bedingungen des Arbeitsmarktes heran zu führen.

Behinderte Menschen als Museumsführer

Behindertenfreundlichkeit ist überall in der Stadt sichtbar: Informationen an öffentlichen Gebäuden der Stadt sind grundsätzlich in slowenischer und englischer Sprache und – Braille-Schrift. Im Burgmuseum geht man noch einen Schritt weiter: Für sehbehinderte  Menschen werden eigene Führungen angeboten einschließlich eines Raumes, in dem Repliken der wichtigsten Exponate ertastet werden können. Ebenso gehören Führungen in Gebärdensprache zum Angebot des Museums.  Museumsführerinnen und -führer sind auch behinderte Menschen, die auf ganz eigene Art und Weise die Geschichte der Stadt vermitteln. Die Führer wurden von Integra speziell geschult und auf die Aufgabe vorbereitet. Integra ist eine europaweit agierende Einrichtung mit Sitz in Velenje, die behinderte und benachteiligte Personen für den Arbeitsmarkt qualifiziert. „Wir stehen erst am Anfang“, sagt Direktorin Marija Ževart und verweist wie Sonja Bercko, Geschäftsführerin von Integra, auf die soziale Dimension, die gleichberechtigt neben dem Zugang zum Arbeitsmarkt steht.

Für Urška Gaberšek, die Leiterin der städtischen Tourismusagentur, ist die Integration von Kultur und Behindertenfreundlichkeit selbstverständlich und nicht zuletzt ein Alleinstellungsmerkmal. Behindertengruppen aus ganz Slowenien sind willkommene Gäste. Ihr neuestes Projekt: Führungen zur sozialistischen Vergangenheit, vor allem der städtischen Architektur der sechziger Jahre – auch hier von vorneherein mit und für Behinderte konzipiert. Konsequenterweise sind selbst die städtischen Souvenirs Ausdruck dieses Selbstverständnisses:  In  einer Behindertenwerkstatt werden Espressotassen aus sozialistischer Zeit zu kleinen Kerzen recycelte – Alltagskultur der Vergangenheit als originelles Souvenir.

City-Souvenir

Sozialistische Alltagskultur – Espressotassen zur Kerze recycelt als City-Souvenir


Titelbild: Museumsführer zum Tasten mit Braille-Schrift
Bilder: Verein Kultur und Arbeit