Weiß jede/r auf Anhieb, wo das Heilbronner Land, Kantabrien, die Bukowina oder die Marken zu verorten sind?  Es dürften vor allem Liebhaber und Kenner von Wein, Kultur, Pilgern und herrlicher Landschaft sein, die bei diesen europäischen Regionen leuchtende Augen bekommen. Beim Schwarzwald oder der Toskana hingegen dürfte die Verortung leicht fallen: Sie sind als Destination im Laufe der Zeit zu einer eigenen Marke geworden.

Aber was machen ländliche Regionen, die nicht das Profil einer Toskana oder des Schwarzwalds haben, um kulturell interessierte Gäste auf sich aufmerksam zu machen? Was bieten sie ihren Gästen, das mit den Angeboten eingeführter Destinationen mithalten kann? Definitiv mehr, als man auf den ersten Blick vermutet.

Vier Ratschläge:

Immer auf der Suche nach guten Beispielen, hat Kiratour  aus dem nordspanischen Kantabrien vier Ratschläge zur Profilbildung und kulturtouristischen Produktbildung in ländlichen Regionen mitgebracht:

  • Wenn Sie ein einzigartiges traditionelles Produkt haben, lassen Sie es so wie es ist und vermitteln Sie Gästen „ein Gefühl dafür“ – interaktiv, selbst-erfahrend, visuell und sinnlich attraktiv.
  • Ausgezeichnete Produkte sind die perfekte Basis für die Entwicklung attraktiver Dienstleistungen.
  • Innovative Produkte und Dienstleistungen sind Geschäftsmöglichkeiten für ländliche Gebiete.
  • Authentische Erlebnisse beinhalten nicht nur ein Produkt, sondern immer auch die Menschen, welche sie vermitteln.

Produktentwicklung für ländlichen Kulturtourismus

Beispiel Kantabrien: Mit der Revitalisierung des Pilgerwegs „Camino del Norte“ ist der nordspanischen Region ein kluger Schachzug  geglückt – kulturell, sozial, landschaftsplanerisch. „Vor dem Camino sind durch unser Dorf vielleicht 3 Leute am Tag gekommen, heute sind es 40“, sagt Secundino Caso, der Bürgermeister von Peñarrubia. Er ist einer der aktiven Unterstützer des Camino und freut sich mit den Dorfbewohnern über das neue Leben, das der Camino dem 400-Seelen-Dorf bringt.

Wie auf einer Perlenkette reihen sich die romanischen Dorfkirchen und Kapellen am Weg. Herzhafte Verpflegung gibt es überall am Camino – einfaches, ländliches Essen aus den heimischen Kichererbsen, Käsesorten und herzhaft gewürzten Schinken und Würsten.

Einher mit der Entwicklung des Camino ging eine neue Wertschätzung regionaler Produkte, die sich in drei Kategorien einordnen lassen: bestehende Produkte, Produkte in der Weiterentwicklung und innovative neue Produkte. Was sie eint, ist ein starker Bezug zur Kulturlandschaft Kantabriens, was ihnen hohe Authentizität gibt.

Regionale Spezialität – der Höhlenkäse von Bejes

Reifung des Käse in den Höhlen von Liébana

In den Höhlen von Liébana hoch in den Bergen reifen drei verschiedene Käsesorten, darunter der  Picón Bejes-Tresviso , der im kleinen Dorf Bejes produziert wird. Sie werden nie in eine Massenproduktion gehen: Aus der Milch der lokalen Kühe, Schafe und Ziegen entstehen handgefertigte Käse, die in der Feuchtigkeit von Kalksteinhöhlen auf 1200 Meter über dem Meeresspiegel in den kantabrischen Bergen reifen.

Diese besondere Käseherstellung wurde 1994 unter der sogenannten Denominación de Origen (DO) geschützt. Es ist ein Produkt, das nicht verbessert werden kann. Gäste, die es vor Ort probieren und genießen wollen, müssen den langen, steilen, sich vielfach windenden Weg zum Käse-Dorf (rund 70 Einwohner/innen) auf sich nehmen.

Warum aber ist das eine kulturelle Erfahrung? Der Käse kann nicht ohne die Kulturlandschaft verstanden werden. Er ist ein komplexes Produkt mit höchstem Qualitätsanspruch, der das Wesen der gesamten Region ins sich trägt – genau das, was kulturell Interessierte suchen.

Kantabrische Produkte in der Entwicklung

Zutaten für Gin in der Bodega

Die Bodega Picos de Cabariezo ist ein familiengeführtes Weingut, auszeichnet durch zahlreiche nationale Preise. Der Betrieb ist berühmt für seine feinen Weine und Orujo, den typische Tresterschnaps der Region Liébana. Besitzer José Antonio Parra und sein Team haben ihr Wissen auf ein neues Produkt transferiert und vor kurzem mit der Produktion eines  kantabrischen Gin begonnen. Die ersten Flaschen sind gerade auf den Markt gekommen. Besucher/innen des Weinguts in Cabariezo (immerhin rund 600 Einwohner/innen) erwartet im Besucherzentrum eine wahrlich einzigartige Verkostung.

 

Die Kunst des richtigen Schinkenschnitts

Kantabrische Produkte & Innovation

Aus der speziellen Schneidetechnik des kantabrischen Schinkens haben Jamonerias Remaes eine kulinarische Veranstaltung konzipiert: Luis Miguel, der Schinken-Schneider, kann für Kulturveranstaltungen, Hochzeiten oder Konferenzen gebucht werden. Dann erscheint er mit einem ganzen Schinken auf einer speziell für Vorführungen entwickelten Stellage. Die einzelnen Scheiben werden direkt vom Schinken geschnitten und gegessen, während Luis Miguel Geschichten über die Schweine erzählt, die mit Eicheln der Extremadura-Eichen gefüttert wurden. Er erläutert, wie und warum sich die Aromen im Fleisch entwickeln. Innovativ ist hier der Transfer eines hochwertigen Produkts in einen Service – einen höchst köstlichen zudem!

 

Sardinenverkostung mit Iván Barranco

Kulturell-kulinarisches Unternehmertum

Warum verlässt ein junger und hochqualifizierter Hotelmanager seinen Job und gründet ein Unternehmen? „Weil ich etwas Außergewöhnliches in meiner kantabrischen Heimat machen wollte“, sagt Iván Barranco von Anchoasparaeventos. Jetzt produziert er ein sehr anspruchsvolles Produkt: die alte kantabrische Tradition „sobado de anchoas“. Dabei werden Sardinen sorgfältig ausgewählt und von jeder einzelnen Gräte und ihrer Haut befreit. Sie werden dann in Premium-Olivenöl serviert – all das vor den Augen von Besucher/innen.

Auch hier ist die Kulinarik nur ein Teil des touristischen Produkts: Iván Barranco präsentiert den Prozess bei kulturellen und geschäftlichen Veranstaltungen und kümmert sich um seine Gäste, indem er jede einzelne Sardine wie ein Kunstwerk aufbereitet und anbietet. Es ist ein einzigartiges Produkt, das nur in Kantabrien erhältlich ist. Iváns Begeisterung für seine Sardinen springt auf die Gäste über. Unnötig zu erwähnen, dass die Sardinen unglaublich lecker sind …!

Mehr dazu in der Fotodokumentation von Elena Paschinger (aber besser nicht ansehen, wenn man Hunger hat…)

Herzlichen Dank an das EUROPETOUR-Projekt, das uns die kantabrischen Erfahrungen ermöglichte. Besonderer Dank gilt  Pilar Bahamonde  von Sociedad Regional Educación, Cultura y Deporte (SRECD ) und  dem Bildungszentrum  Centro de Estudios Lebaniegos in Potes. Elena Paschinger und Miguel de Arriba SRECD  danken wir herzlich für die Zustimmung zur Verwendung der Bilder.